Die nachklingenden Melodien aus Super-Bowl-Werbespots – diejenigen, die sich in Ihr Gehirn eingraben und nicht mehr verschwinden wollen – sind kein Zufall. Das Geheimnis einer wirklich eingängigen Melodie liegt zunehmend in mathematischen Prinzipien, die Komponisten seit Jahrhunderten oft intuitiv nutzen. Neue Forschungsergebnisse legen nahe, dass Symmetrie, ein Kernkonzept der abstrakten Algebra, eine überraschend wichtige Rolle für die Einprägsamkeit von Musik spielt.
Melodien mit Gruppentheorie entschlüsseln
Forscher der University of Waterloo in Ontario, Kanada, haben die Gruppentheorie – einen Zweig der Mathematik, der sich auf Transformationen und gespiegelte Muster konzentriert – zur Analyse populärer Melodien angewendet. Indem sie jeder Note auf der chromatischen Skala numerische Werte zuordneten, wandelten sie Lieder in algebraische Notation um und kartierten dann, wie Techniken wie Inversion (Umdrehen der Melodie), Transposition (Verschieben der Tonleiter nach oben oder unten), Retrograding (Umkehrung) und Übersetzung (Bewegung im Zeitverlauf) die Songstruktur beeinflussen.
Das Team entdeckte eine klare Trennung zwischen der Tonstruktur (der harmonischen Grundfolge) und der Positionsstruktur (wie sich die Melodie im Laufe der Zeit entfaltet). Diese Dualität ermöglicht es ihnen, symmetrische Melodien systematisch zu identifizieren und sogar zu konstruieren. Olga Ibragimova, Co-Autorin der Studie, erklärt: „Wenn wir Melodien als Formen betrachten, die wir transformieren können, wird deutlich, dass Komponisten diese Art von Symmetrien seit Jahrhunderten intuitiv nutzen.“
Von der Theorie zur Praxis: Die Perspektive des Komponisten
Während die Mathematik hinter Ohrwürmern immer klarer wird, bleibt der kreative Prozess komplex. Der Komponist Nick Lutsko, der mehrere Jingles für den diesjährigen Super Bowl geschrieben hat, gibt zu, dass sein Ansatz alles andere als analytisch ist. „Wenn das Ziel einfach darin besteht, etwas zu schreiben, das sehr eingängig ist und in den Köpfen der Leute hängen bleibt, ist das das Mindeste, woran ich denke“, sagt er. Bei Lutsko entstehen eingängige Melodien oft spontan, ausgelöst durch Texte und nicht durch berechnete Gleichungen.
Doch selbst Lutsko erkennt die Bedeutung einer formalen Ausbildung an: Er selbst hat einen Abschluss in kommerziellem Songwriting. Dies deutet darauf hin, dass die Intuition zwar eine Schlüsselrolle spielt, ein strukturiertes Verständnis musikalischer Prinzipien jedoch das Werkzeug eines Komponisten schärfen kann.
Die Zukunft des Songwritings
Die entstehende Schnittstelle zwischen Mathematik und Musik birgt Potenzial sowohl für Komponisten als auch für Forscher. Die Arbeit der University of Waterloo könnte zu neuen Methoden zur Konzeptualisierung von Musik, zur systematischen Konstruktion von Melodien und zur Vorhersage führen, welche Melodien zum nächsten unausweichlichen Ohrwurm werden. Wie Lutsko jedoch betont, besteht der effektivste Ansatz manchmal einfach darin, „nicht zu viel darüber nachzudenken“ und der Kreativität freien Lauf zu lassen.
Letztendlich bleibt das Ziel dasselbe, sei es durch rigorose Berechnung oder spontane Inspiration: Melodien zu schaffen, die noch lange im Gedächtnis des Zuhörers nachklingen, nachdem die Musik aufgehört hat.























