Bei Menschen mit chronischen Hauterkrankungen wie Psoriasis kommt es oft immer wieder zu Schüben an denselben Stellen. Das ist kein Zufall: Neue Forschungsergebnisse zeigen, dass Hautzellen ein „Gedächtnis“ vergangener Entzündungen behalten, was zu erhöhter Empfindlichkeit und wiederkehrenden Ausbrüchen führt. Wissenschaftler verstehen jetzt den Mechanismus hinter diesem Phänomen und es hat Auswirkungen, die über die reine Psoriasis hinausgehen.
Wie sich die Haut erinnert: Epigenetische Markierungen
Eine kürzlich in Science veröffentlichte Studie zeigt, dass Hautzellen Muster der Genexpression durch einen Prozess namens Epigenetik erben. Jedes Mal, wenn sich die Haut regeneriert, baut sie sich nicht einfach von Grund auf neu auf. Stattdessen übertragen Zellen chemische Modifikationen an ihrer DNA – epigenetische Markierungen –, die wie Ein-/Ausschalter für Gene wirken. Das bedeutet, dass Hautzellen nicht nur auf vergangene Verletzungen reagieren, sondern sich auch daran erinnern.
Dabei geht es nicht nur um Narben oder Sommersprossen. Die an Mäusen durchgeführte Studie bewies, dass aufeinanderfolgende Generationen von Hautzellen die Erinnerung an vergangene Entzündungen bewahren. Die weitergegebenen epigenetischen Markierungen sorgen dafür, dass das Gewebe gegenüber Auslösern wie Stress überempfindlich bleibt und chronische Entzündungen aufrechterhalten.
Das zweischneidige Schwert der Hauterinnerung
Das Gedächtnis der Haut ist nicht immer schlecht. Wenn Sie sich schneiden, verläuft der Heilungsprozess schneller, wenn Sie dieselbe Stelle erneut verletzen, da die Zellen bereits „wissen“, wie sie die Stelle reparieren müssen. Aber bei Erkrankungen wie Psoriasis ist dieses Gedächtnis schädlich. Die Zellen werden auf Entzündungen vorbereitet, was zu häufigeren und schwereren Schüben führt.
„Ihre DNA kann sich viel länger an eine frühere Verletzung erinnern, als uns lieb war“, sagt Dana Pe’er, Co-Autorin der Studie. „Es ist ein zweischneidiges Schwert.“
KI und die „Black Box“ der Hautbiologie
Forscher verwendeten ein Modell der künstlichen Intelligenz, um spezifische genetische Sequenzen zu identifizieren, die für dieses Langzeitgedächtnis der Hautstammzellen verantwortlich sind. Die KI analysierte, wie sich DNA-Regionen vor und nach einer Verletzung (einem kleinen Einschnitt bei Mäusen) verhielten, und öffnete so im Wesentlichen eine „Black Box“, die die zugrunde liegenden Mechanismen enthüllte.
Obwohl die Studie an Mäusen durchgeführt wurde, ist die Kernbiologie bei allen Arten stark konserviert, was darauf hindeutet, dass die Ergebnisse auf den Menschen anwendbar sein könnten. Die Herausforderung liegt in den unterschiedlichen Zeiträumen der Hautregeneration – Wochen oder Monate beim Menschen gegenüber Tagen bei Mäusen – und der lebenslangen Natur chronischer Krankheiten.
Implikationen für die zukünftige Behandlung
Diese Forschung eröffnet Möglichkeiten für die Erprobung von Interventionen am Menschen. Das ultimative Ziel: die epigenetische Prägung umkehren, die chronische Entzündungen auslöst. Wenn Wissenschaftler den Schaden „beseitigen“ können, könnten sie den Verlauf von Autoimmun- und Entzündungskrankheiten grundlegend verändern.
„Können Sie sich vorstellen, dass Sie diese Prägung rückgängig machen könnten? Wenn Sie diesen Schaden rückgängig machen könnten, kontrollieren Sie im Wesentlichen die Gesundheit der Menschen“, sagt Shruti Naik, eine Molekularbiologin.
Es gibt immer mehr Hinweise darauf, dass Entzündungen die Biologie des Körpers grundlegend verändern können, was die Frage aufwirft, wie unsere Erfahrungen unsere Gesundheit und Krankheitsanfälligkeit beeinflussen.
Schlussfolgerung: Die Fähigkeit der Haut, sich an vergangene Verletzungen zu erinnern, ist jetzt wissenschaftlich erwiesen. Diese Entdeckung liefert einen entscheidenden Einblick in chronisch entzündliche Erkrankungen wie Psoriasis und verdeutlicht das Potenzial für zukünftige Behandlungen, die auf die epigenetischen Mechanismen hinter anhaltenden Entzündungen abzielen.
